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Duisburg: Georg Koch im kicker-Interview - 05.10.2005 09:52
"So blöd wäre ich nicht mehr"
Beim jüngsten 1:1 in Hannover hielt er einen Foulelfmeter und bewies mal wieder, wie wichtig er für seine Mannschaft ist: Duisburgs Keeper Georg Koch (33). Im Interview spricht der Torhüter unter anderem über sein Temperament, seine Führungsaufgaben und auch Unterwäsche.
kicker: Herr Koch, fühlen Sie sich beim MSV manchmal an den Beginn Ihrer Karriere zurückversetzt?
Georg Koch: Ja, weil uns viele schon auf dem direkten Weg zurück in die Zweite Liga sehen. Aber in Düsseldorf war es noch extremer, weil die Fortuna damals überhaupt kein Geld hatte und viele Spieler, die woanders nicht unterkamen. Nach der Hinrunde hatten wir 13 Punkte und haben uns doch noch gerettet. Das war sensationell.
kicker: Überrascht der MSV Duisburg die vermeintlichen Experten ebenfalls?
Koch: Davon gehe ich aus. In Kaiserslautern haben wir als Mannschaft versagt, der Rest war für unsere Verhältnisse sehr ordentlich. Wir sind nirgendwo vorgeführt worden, und wir haben keine Quertreiber. Die Sache läuft.
kicker: Wenn sie nicht läuft, treten Sie dann wieder als der große Antreiber auf wie zuletzt in der Zweiten Liga?
Koch: Damit habe ich kein Problem, weil die Jungs genau wissen, dass ich ihnen ganz offen die Meinung geige, wenn’s sein muss. Gegen Burghausen lagen wir zur Pause 1:3 hinten, da habe ich den Burschen gesagt, sie seien alle arrogante Spieler, die gar nicht wissen, worum es geht. Da wollten sie es mir so richtig beweisen. Wir haben 4:3 gewonnen.
kicker: Fünf Verwarnungen haben Sie in der vorigen Saison gesammelt, ganz schön viel für einen Torwart. Rasten Sie schon mal aus auf dem Platz?
Koch: Das nicht, aber wir hatten am Anfang der Saison oft so eine Friedhof-Stimmung auf dem Spielfeld. Wenn ich dann mal 30 Meter aus dem Tor rase und laut werde, um unsere Mannschaft zu wecken, dann gibt es schon mal Gelb, ganz klar.
kicker: Werden Sie nun in der Bundesliga ohne Gelbsperre auskommen?
Koch: Dafür kann ich wirklich nicht garantieren. Wenn die Mannschaft es braucht, dann werde ich halt laut.
kicker: Früher, bei Fortuna Düsseldorf, sind sie sogar mal vom Platz geflogen.
Koch: Ja, wegen Spielverzögerung, dabei hat unser Trainer von draußen ständig gewunken, ich solle schön langsam machen. Und die nächste Strafe kam schon eine Woche später. Da musste ich 1000 Mark zahlen, obwohl ich gar nicht auf dem Platz war.
kicker: Warum das?
Koch: Jörg Schmadtke unterlief eine lange Flanke, und wir haben verloren. Da kam Trainer Aleksandar Ristic zu mir und sagte: "Junge, du hättest den Ball gehabt, du bist schuld, weil du gesperrt bist. Du zahlst 1000."
kicker: Neulich nach dem 1:0-Heimsieg gegen den 1. FC Nürnberg wurde Ihnen mangelnde Fairness vorgeworfen. Sie hätten den Schiedsrichter darauf hinweisen sollen, dass der Ball nach dem Schuss von Markus Daun hinter der Linie war.
Koch: Unsinn, ich habe doch erst in der Pause erfahren, dass das Ding drin war. Das merkst du im Spiel doch gar nicht.
kicker: Wo hört bei Ihnen die Fairness auf?
Koch: Ganz schlimm finde ich Schwalben im Strafraum, die sollten ganz hart bestraft werden. Sofort Rot, dazu mindestens vier Wochen Sperre.
kicker: Torhüter und Linksaußen haben eine Macke, heißt es. Welche ist denn Ihre?
Koch: Ich habe so viele Macken. Also gut, ich habe eine Unterhose, die ist nicht jugendfrei, ein Loch neben dem anderen. Aber die hat mir mal Glück gebracht, also wird sie weiter getragen.
kicker: Sie sind jetzt seit 14 Jahren Profi . Wann hassen Sie Ihren Job?
Koch: Wenn der Trainer einen Waldlauf ansetzt. Ich spiele gerne bei Wind und Wetter, und ich schmeiße mich in den Matsch, alles kein Problem. Aber Waldlauf ist die schlimmste Strafe.
kicker: Und wann lieben Sie Ihren Beruf?
Koch: Wenn du in Frankfurt den Aufstieg perfekt machst, und da stehen Montagnacht mehr als 10 000 Duisburger Fans in unserer Arena, um dich zu feiern. Das ist ein grandioses Gefühl. Dann hat sich alles gelohnt. Jetzt bin ich vier Mal in meiner Karriere aufgestiegen, das kriegt auch nicht jeder hin.
kicker: Was hat Georg Koch eigentlich mit 33, was er mit 19, 20 noch nicht hatte?
Koch: Ich habe jetzt vier Kilo weniger. Ich bin abgeklärter, spiele nicht nur mein eigenes Spiel, sondern nehme mehr Einfluss auf die anderen. Nicht nur, weil ich jetzt Kapitän bin. Und ich bin nicht mehr ganz so verrückt. Bei einem Spiel in Köln habe ich mir mal die Mittelhand gebrochen, dazu Joch- und Nasenbein.
kicker: Und dann?
Koch: Ich habe trainiert wie ein Ochse. Und schon 56 Tage später stand ich wieder im Tor, weil die Fortuna ganz dick im Abstiegskampf steckte. Prompt flogen mir die Nägel wieder aus der operierten Hand. So blöd wäre ich heute nicht mehr. Und abgestiegen sind wir trotzdem.
kicker: Können Sie als Torwart eigentlich die Rotation unter den Torhütern der Nationalmannschaft nachvollziehen?
Koch: Davon halte ich nichts. Bundestrainer Jürgen Klinsmann sollte sich auf eine Nummer eins festlegen, und das ist für mich Oliver Kahn, auch weil er mit seiner Aggressivität und seiner Persönlichkeit wichtig ist für die deutsche Mannschaft.
kicker: Mit Anfang 20 stand Ihnen die Welt offen, da galten Sie als ganz großes Talent. Da klingen gerade mal 186 Bundesliga-Einsätze eher dürftig.
Koch: Ich habe mit meinem Wechsel von Düsseldorf nach Eindhoven ganz großen Mist gebaut. Wenn man es so will, fehlen mir dadurch heute 200 Bundesligaspiele. Das war so ein richtiger Karriereknick. Zu dieser Zeit hatte ich zehn Angebote. Ich hätte nach Berlin, Kaiserslautern oder zu den Glasgow Rangers gehen können. Natürlich hatten wir bei Dick Advocaat eine super Truppe mit Cocu, Stam, Zenden, die halbe holländische Nationalmannschaft. Aber das war nur die eine Seite der Medaille.
kicker: Klingt doch nach großem Fußball.
Koch: Der Wechsel ins Ausland kam viel zu früh. Damals war ich noch nicht reif dafür. Außerdem hatte ich private Probleme, und mir fehlte auch die Zusammenarbeit mit Torhütertrainer Enver Maric. Ich wollte nicht so ein Larifari-Training, und sicher hätte ich auch ab und zu mal einen Tritt in den Hintern gebraucht.
kicker: Zu Enver Maric haben Sie auch heute noch Kontakt?
Koch: Ja, er ist ein super Typ, und sein Auge für Torhüter ist weltklasse. Enver hat mich fast sechs Jahre lang in Düsseldorf geformt. Mit 20 war ich zwar groß und mutig, aber ich hatte keinen blassen Schimmer von richtigem Torwartspiel. Beweglichkeit, Stellungsspiel, alles Mögliche hat er mir beigebracht. Ohne ihn wäre ich nie dahin gekommen, wo ich jetzt bin.
kicker: Aber anschließend hatten Sie vor allem beim 1. FC Kaiserslautern wieder eine gute Zeit in der Bundesliga.
Koch: Ja, gerade unter Otto Rehhagel hatte ich das Gefühl, eine wichtige Figur für die Mannschaft zu sein. Das gilt auch für die Zeit mit Trainer Erik Gerets, insgesamt waren es drei sehr angenehme Jahre in Kaiserslautern.
kicker: Aber der Abschied war unangenehm?
Koch: Ich hatte mir einen Meniskuseinriss zugezogen, und mein Vertreter Tim Wiese nutzte prompt seine Chance.
kicker: Und nun haben Sie über den Umweg Energie Cottbus mit dem MSV Duisburg wieder in die Bundesliga zurückgefunden. Ist Schluss, wenn 2007 Ihr Vertrag dort ausläuft?
Koch: Ich mache Schluss, wenn die Leute sagen: Der Koch fällt ja wie eine Bahnschranke. Wenn es nicht mehr reicht und ein Jüngerer die Klasse hat, dann werde ich ganz ehrlich zu mir sein und einen Schlussstrich ziehen. Aber da muss erst mal ein Besserer kommen. Vielleicht spiele ich ja auch noch sechs Jahre.
kicker: Und dann?
Koch: Dann geht’s weiter mit Fußball. Das ist mein Leben. Ich lese fast alles über Fußball und sehe fast jedes Spiel, das übertragen wird. Vielleicht werde ich Präsident bei Fortuna Düsseldorf, oder ich fege denen den Hof, wenn die einen brauchen.
kicker: Den Hof fegen?
Koch: Ich stehe noch bei vielen Leuten in der Pflicht. Im Ernst, es ist mir ein großes Anliegen, dem Verein zu helfen, bei dem ich groß geworden bin, also Fortuna Düsseldorf. Ich habe auch den VfR Marienfeld nicht vergessen, wo ich in der Jugend gespielt habe. Da bin ich wirklich schon Präsident. Da stehe ich sonntags in der Kreisliga B am Spielfeldrand und habe Spaß daran wie andere bei einem Bundesligaspiel.